Fuori Salone 2021 – Neues vor den Toren

Fuori Salone 2021 – Neues vor den Toren
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2021 war der „Fuori Salone“, der Salone außerhalb des Salone del Mobile, wichtiger denn je. Viele der spannendsten Neuheiten wurden hier und nicht in den Messehallen präsentiert. Wir haben uns umgesehen und mit den Designern und Designerinnen dieser Neuheiten gesprochen.

Im letzten Teil unsere Nachbetrachtung des Salone del Mobile (Teil 1 und Teil 2) werfen wir abschließend einen Blick auf die Neuheiten, die auf dem „Fuori Salone“ präsentiert wurden. Die Showrooms in der Stadt spielten 2021 eine noch wichtigere Rolle als bei den Messen der vergangenen Jahre. Denn längst nicht alle Hersteller, selbst bedeutende italienische Produzenten, hatten einen Stand beim Supersalone auf dem Messegelände in Rho gebucht.

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Auf dem Foto ist die Leuchte „Obligat“ von Jasper Morrison zu sehen. Ausstellungsstück der Fuori Salone 2021.
„Obligat“ von Jasper Morrison, Foto: Jasper Morrison Studio
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Tribüne Showroom

Das Leuchtenschwergewicht Flos etwa beschränkte sich darauf, seinen Flagshipstore zu bespielen. Dort wurde nicht nur ein Jubiläumsmodell zum 50. Geburtstag des Leuchtenklassikers „Parentesi“ präsentiert. Die legändere Schöpfung von Pio Manzù und Achille Castigloni wird aus diesem Anlass in den Sonderfarben orange und türkisblau produziert. Seine Premiere feierte auch die Wandleuchte „Oplight“ von Jasper Morrison. Morrison hat bei diesem Entwurf sein Gestaltungsprinzip des „supernormal“, die Rückführung auf einen ideal proportionierten Archetyp, fast an seine Grenzen getrieben. „Oplight“ besteht aus einem planen Leuchtkörper, der die LEDs aufnimmt, und einem konsolartigen Träger. Jede Einzelform, jedes Detail ist genau kalkuliert und bemessen. Das Ergebnis ist jene Art von „Normcore“, für den seine Fans Morrison feiern. Kritiker mögen das Ergebnis dagegen als etwas geschmacksneutral empfinden.

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Vorhang-, Bezugstoffe und Veloursteppich von Peter Saville, Foto: Casper Sejersen
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Einen Innenhof teilte sich Flos in Mailand mit dem dänischen Textilverlag Kvadrat, der ebenfalls dieses Jahr nicht in den Messehallen selbst vertreten war. Die Skandinavier hatten als wichtigste Neuheit die Kollektion „Technicolour“ des britischen Künstlers und Designers Peter Saville im Gepäck. Sie besteht aus Vorhangstoffen, Bezugsstoffen und Teppichen. Saville setzt bei seinen Entwürfen sowohl auf die lauten wie auch die dezenteren Töne. Einem regenbogenfarbenen Velourteppich stellt er einen Bezugstoff gegenüber, der auf den ersten Blick uni erscheint. Nur wer genauer hinschaut, bemerkt die willkürlich verstreut wirkenden Tupfen in gelb, blau und rot.

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„Mito“ und „Edizione Lusso“ von Occhio, Foto: Occhio GmbH
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Die augenfälligste Neuheit von Occhio war kein Produkt, sondern der neue Flagshipstore des Leuchtenherstellers am Corso Monforte in der Mailänder Innenstadt. Den an das Ladenlokal angrenzenden Innenhof konnten die Münchner bei herrlichstem Spätsommerwetter als Lounge für die Besucher nutzen, wo Kaffee und Prosecco gereicht wurde. Als Neuheit präsentierte Occhio in Mailand den Bestseller „Mito“ in der neuen „Edizione Lusso“. Bei dieser neuen Edition kann der Kunde zwischen sechs Modellen auswählen, bei der Details aus farbigen Marmoren und Ascot-Leder die Metalloberflächen der Leuchte kontrastieren.

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„Matéria“ von Christian Haas, Foto: ClassiCon GmbH
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Designer Christian Haas & ClassiCon-Tisch „Matéria“

Ein anderes Münchener Designlabel, der Möbelhersteller ClassiCon, hatte dieses Jahr die Räume einer Galerie im Brera-Viertel bezogen. Dort präsentierte die Marke von Oliver Holy den neuen Tisch „Matéria“ von Christian Haas. Als „Lowboard“ bezeichnet ClassiCon den in drei Ausführungen erhältlichen Tisch. Tatsächlich rangiert er irgendwo zwischen einem Couchtisch und einem niedrigen Sideboard. Haas hat als Material Travertin für die Tischplatte verwendet, helles Ahornholz für die Beine. Besonders ungewöhnlich wirkt die Ausführung, bei der Haas den Travertin mit Indigotinte gefärbt hat.

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Lowboard, Sideboard, Couchtisch, Tisch: Chefredakteur Fabian Peters befragt Designer Christian Haas zu seinem Entwurf
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Ein anderes deutsches Designlabel, e15 aus Frankfurt, präsentierte seine Neuheit, den Barhocker „Tank“, im heimlichen Zentrum des Fuori Salone – der legendären „Bar Basso“. Hier, wo einst der Negroni Sbagliato (der „falsche“ Negroni mit Spumante anstatt Gin) erfunden wurde, tummelt sich zur Messezeit alles was Rang und Namen im Designbusiness hat. Der Designer David Thulstrup hatte „Tank“ zwar eigentlich für ein Burgerrestaurant in Kopenhagen entworfen. Doch der minimalistische Barstuhl machte auch in Mailand bella figura. Die Designcrowd jedenfalls bezog den Hocker umstandslos in ihre Abendgestaltung ein.

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„Tank“ von David Thulstrup, Foto: e15
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Platz nehmen bei Thonet mit den Designern Werner Aisslinger & Sebastian Herkner

Etwas weniger glamourös, dafür allerdings auch deutlich entspannter, ging es bei der ältesten Möbelmarke der Welt zu: Thonet hatte seine Zelte in der Mailänder Repräsentanz des Küchenherstellers SieMatic aufgeschlagen. Dort präsentierte das Unternehmen zwei bemerkenswerte Neuheiten, für die zwei von Deutschlands namhaftesten Designern, Sebastian Herkner und Werner Aisslinger, verantwortlich zeichnen.

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Loungechair „119“ von Sebastian Herkner, Foto: Fabian Peters / Baumeister
Tisch „1140“ von Werner Aisslinger, Foto: Dan Zoubek
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Herkner hat in Fortführung seiner sehr erfolgreichen Stuhlreihe „118“ den Loungechair „119“ entworfen. Der tiefe Armlehnsessel, den Thonet in Mailand in ochsenblutrot lackiert ausstellte, hat etwas von einem klassischen Salonmöbel. Einerseits ist er leicht zu bewegen, andererseits bequemer als ein normaler Stuhl. Mit diesen Eigenschaften bietet er sich überall dort als Sitzmöbel an, wo sich ad hoc Menschen zu informellen Gesprächsrunden zusammenfinden.

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Von 118 zu 119: Die Vorteile des Thonet-Stuhls erklärt Designer Sebastian Herkner im Gespräch mit Chefredakteur Fabian Peters.
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Werner Aisslingers Tisch „1140“ ist ein ähnlich universelles Möbel. Er spielt die Rolle des Schreib- und Arbeitstisches ebenso gut wie die des großen Familienesstisches. Aisslingers Entwurf ist wohltuend zurückhaltend. Einzig auffälliges Designdetail sind die viertelkreisförmigen Beine, die mittels einer raffinierten Haltekonstruktion an die Platte angefügt sind.

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Designer Werner Aisslinger und Chefredakteur Fabian Peters sprachen über Tisch „1140“.
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Noch mehr deutsches Design: Die vielfach ausgezeichnete „Ayno“-Leuchte von Stefan Diez präsentiert der Hersteller Midgard in der neuen Farbe „Silk“, einem hellen Grauton. Im Agape-Showroom, wo Midgard als „Untermieter“ während des Salone zu Gast war, machte sich die neue Farbe ausgesprochen gut.

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„Arno“-Leuchte von Stefan Diez, Foto: Midgard
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Einige Häuser weiter bespielte das Pariser Luxus-Haus Hermès auch 2021 die Pelota-Halle, eine ehemalige Sportstätte. In fünf kubischen Bauten, die mit bunten grafischen Mustern überzogen waren, zeigte das Unternehmen die Neuheiten seiner Home Collection. Taktilität stand dieses Jahr im Mittelpunkt. Originellstes Stück war fraglos ein gewaltiger Sessel, ein Entwurf von Studio Mumbai. Seine unregelmäßige, ein wenig wie Lehmputz wirkende Oberfläche besteht aus einem auf Pappmaché basierenden Verbundwerkstoff. Der Werkstoff umhüllt einen Holzkern. Jeder Sessel wird mit einem Streifenmuster handbemalt.

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Sessel von Studio Mumbai, Foto: Hermès
Sessel „Kata“ von Jeanette Altherr, Foto: Salva Lopez
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Designerin Jeanette Altherr & der Arper-Sessel „Kata“

Von der handwerklichen Kleinserie zur industriellen Großserie: Die Designerin Jeanette Altherr hat das Sortiment des italienischen Möbelproduzenten Arper um den Sessel „Kata“ erweitert. Der Sessel, den es in einer Indoor- und einer Outdoor-Variante gibt, ist ganz unter dem Vorzeichen der Nachhaltigkeit entworfen. Der hölzerne Rahmen ist bespannt mit einer Sitzfläche und Rückenlehne, die aus recyceltem Kunststoff besteht.

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Chefredakteur Fabian Peters sprach mit Designerin Jeanette Altherr über den von ihr entworfenen Sessel „Kata“ beim italienischen Möbelproduzenten Arper.
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Nicht alle Unternehmen und Aussteller stellten Neuheiten in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung. Das Mailänder Designstudio Dimore Studio betreibt zwar auch das Interiorlabel Dimore Milano. Doch bei der Musterwohnung, die sie in den Räumen ihres Büros eingerichtet hatten, standen Antiquitäten der Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahre im Mittelpunkt. In ihren Räumen schufen die Designer eine Atmosphäre, die den horror vacui von Sammlerwohnungen dieser Epoche verblüffend genau nachahmt.

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Musterwohnung von Dimmer Studio, Foto: Fabian Peters / Baumeister
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Ganz neu eingezogen ist der Schweizer Badhersteller Laufen in seinen Mailänder Showroom, der anlässlich des Salone del Mobile der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Das Unternehmen hat sich dabei nicht für ein Ladenlokal im Ergeschoss, sondern für eine ehemalige Näherwerkstatt unter dem Dach eines Mailänder Hinterhauses entschieden. Wie schon beim Laufen Showroom in Berlin, den Konstatin Grcic für das Unternehmen entworfen hat, engagierte Laufen auch in Mailand lokale Unterstützung: die Designer Matteo Fiorini und Studio Lys gestalteten nicht nur die Räumlichkeiten neu, sondern entwarfen auch die Installation „Am I open-minded“, die dort während des Salone zu sehen war.

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Mailänder Showroom von Hersteller Laufen, Foto: DSL Studio
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Zu einem Publikumsliebling des Fuori Salone 2021 entwickelte sich schließlich noch ein ganz Großer des italienischen Designs: Enzo Mari. Der während der Corona-Pandemie verstorbene Maestro hatte in seinen letzten Lebensmonaten eine große Retrospektive mit dem Kurator Hans Ulrich Obrist vorbereitet, die derzeit in der Mailänder Triennale zu sehen ist.

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Text: Fabian Peters

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